Sicherungstechnik beim Einfachseilaufstieg

Martin Mennicken beleuchtet die Risiken verschiedener Sicherungstechniken beim Einfachseilaufstieg und erklärt zuverlässige Kombinationsmöglichkeiten.

Montag, 23.09.2019

Gastbeitrag von Martin Mennicken |

Für den Rettungsfall bei Baumarbeiten und zur Kraftersparnis beim Zustieg in den Baum hat sich die Nutzung eines stehenden Seils mittlerweile als Standard durchgesetzt.

Nachfolgend habe ich einige mögliche Unfallszenarien in Verbindung mit Sicherungsgeräten betrachtet, um zum Nachdenken bzw. zum Überdenken der gewählten Sicherung anzuregen. Denn die falsche Kombination von verschiedenen Geräten kann das System zum Versagen bringen.

Abseilgerät, Handsteigklemme und Seilrolle

Bei den Methoden des Aufstieges haben sich mittlerweile viele Techniken etabliert.
Angefangen beim klassischen Aufstieg mit Abseilgerät, Handsteigklemme und Seilrolle.
Da das Abseilgerät in der Regel selbstbremsend ist und somit als Sicherung wirkt, benötigt man für diese Technik keine weitere Sicherung oder ein weiteres Sicherungsgerät. Die Handsteigklemme ist nur zur Umlenkung des Seils bzw. als Entlastung für das Abseilgerät (um an Höhe zu gewinnen und das Seil zu verkürzen) gedacht. Aus diesem Grund muss diese auch nicht noch hintersichert werden.

Diese Seilaufstiegsmethode funktioniert recht gut, ist einfach, sowie nicht so materialintensiv. Außerdem hat man die Option, ohne das System umbauen zu müssen, vom Seilaufstieg sofort zum Abseilen überzugehen.

Variante 1

Variante 2

Es gibt noch Variante 3. Bei dieser wird lediglich eine Trittschlinge eingesetzt, um das Abseilgerät zum Seil-Nachziehen komplett zu entlasten.

Steigklemmen

Etwas materialintensiver aber weitaus effektiver sind solche Methoden, bei denen Steigklemmen zum Einsatz kommen. Da in der Vergangenheit aber Unfälle geschehen sind, lautet die Empfehlung der Schulen, dass Steigklemmen bzw. diese Aufstiegsmethoden ausschließlich mit einer (zweiten) Sicherung zu nutzen sind. Ein Nachteil des reinen Steigklemmenaufstieges ist, dass man erst das System umbauen muss, um sich abseilen zu können.

Folgende Sachverhalte sind als Fehlerquelle denkbar:

1. Die Steigklemme wird am Seil so verkantet, dass das Seil durch Belastung aus der Klemme rutscht bzw. die Klemme nicht mehr greifen kann und ebenfalls am Seil nach unten rutscht.
2. Beim Aufstieg gerät ein Ast zwischen Seil und Klemmbacke. Die Zähne der Steigklemme können nicht mehr ins Seil greifen und die Steigklemme verliert die Funktion. Wird diese nun belastet, rutscht man nach unten.
3. Erfolgt ein Sturz bzw. eine dynamische Belastung auf die Steigklemme, kann es passieren, dass die Klemme den Seilmantel beschädigt und dieser dann auf dem Kern rutscht. Auch hier wäre dann ein Sturz vorprogrammiert.

Da man in der seilunterstützten Baumarbeit nur an einem Seil aufsteigt, wird es problematisch, eine sinnvolle bzw. wirksame Hintersicherung (Redundanz) zu installieren.
Da der Ideenreichtum aber groß ist, gibt es mehrere Ansätze, wie solche Seilaufstiege “abgesichert” werden. Betrachtet man aber die verschiedenen Abläufe und die Funktion der benutzten Geräte bzw. Methoden, kommt man recht schnell zu dem Ergebnis, dass viele Aufbauten wirklich nur zur Beruhigung des eigenen Gewissens da sind, im Fall eines Falles die sichere Funktion aber fragwürdig bis nicht gegeben ist.
Eine wirkliche Redundanz/Hintersicherung ist aus meiner Sicht nur dann 100prozentig gewährleistet, wenn man ein zweites Seil nutzt, auf dem das Sicherungsgerät/Sicherungssystem installiert wird. Wie im Bereich der Seilzugangs- und Positionierungstechnik (SZP bzw. Industrieklettern). Hier wird klar getrennt zwischen Arbeits- und Sicherungsseil. So können sich die Geräte auch nicht gegenseitig beeinflussen – wie man später noch erkennen wird.

Um der oben genannten Fehlerquelle 1 entgegenzuwirken, nutzt man einfach einen Karabiner, der durch das obere Loch der Steigklemme geführt wird. Dieser muss das Seil umschließen.

Seil kann Klemmbacke öffnen

Karabiner hält Seilverlauf gerade

Um bei Eintreten der Fehlerquellen 2 und 3 gesichert zu sein, wird häufig Folgendes in der Praxis angewendet:

- Klemmknoten über der Steigklemme setzen und am Gurt befestigen
- Klemmknoten oberhalb und an der Steigklemme befestigen
- Mitlaufendes Auffanggerät an Anseilpunkt des Gurtes befestigen
- Mitlaufendes Auffanggerät oberhalb und an der Steigklemme befestigen

Klemmknoten über Steigklemme und am Gurt direkt befestigt

Klemmknoten direkt an Steigklemme befestigt

Mitlaufendes Auffanggerät am Anseilpunkt des Gurtes

Mitlaufendes Auffanggerät oberhalb an Steigklemme befestigt

Hier können allerdings folgende Probleme auftreten:

Ist der Klemmknoten oberhalb der Steigklemme befestigt, wird dieser im Bewegungsablauf nach oben geschoben. Je nach Klemmknoten geht das recht gut. Je höher man steigt, desto lockerer wird aber dieser Klemmknoten, da er im besten Fall nicht belastet wird, sich also wieder zuzieht. Versagt jetzt die Funktion der Steigklemme, ist nicht sichergestellt, dass der Knoten sicher blockiert. Erschwerend kommt noch vielfach hinzu, dass eine zweite Steigklemme genutzt wird, meist eine Fußsteigklemme, die belastet sein kann (mit dem Körpergewicht) und somit das Seil unterhalb des Klemmknotens noch spannt – noch ein weiterer Faktor, der den schon gelockerten Klemmknoten sehr schlecht auf dem Seil greifen lässt.

Mitlaufende Auffanggeräte

Kommen wir nun zur Nutzung der mitlaufenden Auffanggeräte zur Sicherung.

Vorweg folgende Klarstellung: Es ist nicht beabsichtigt, eines der Geräte bzw. dessen Funktion bei der bestimmungsgemäßen Anwendung in Frage zu stellen. Lediglich die Kombination mit anderen Geräten und Methoden soll hier in Frage gestellt werden.

Zuerst betrachten wir einmal die Klemmmechanismen der Geräte. Bei den am meisten genutzten Geräten kann man diese in zwei Kategorien einteilen:

- Blockieren durch Sperren einer internen Mechanik ohne Verkanten des Geräteköpers (z.B. Petzl ASAP)
- Blockieren durch Verkanten/Abwinkeln des Gerätekörpers (z.B. ISC Rocker, DMM Buddy)

ASAP unbelastet

ASAP belastet

ROCKER unbelastet

ROCKER belastet

Folgende allgemeine Faktoren müssen berücksichtig werden, um die sichere Funktion speziell der Geräte zu gewährleisten, welche durch Abwinkeln des Seilkanals blockieren (z. B. ISC Rocker, DMM Buddy):
(Die jeweiligen Faktoren müssen der entsprechenden Gebrauchsanweisung des Herstellers entnommen werden. Die Auflistung ist daher nicht allgemeingültig.)

1. Das Gerät darf nur mit dem Verbindungsmittel genutzt werden, welches der Hersteller in seiner Gebrauchsanweisung beschreibt. Speziell die Länge des Verbindungsmittels ist hier maßgebend.
2. Das Seil darf nicht „gespannt“ sein.
3. Das Gerät muss sich frei auf und ab bewegen können.
4. Es darf sich nichts oberhalb des Gerätes befinden, was im Sturzfall das Sicherungsgerät am Verkanten/Abwinkeln hindert.
5. Der Seildurchmesser muss den Angaben des Herstellers entsprechen.
6. Evtl. die Empfehlungen des Herstellers zu speziellen Seilen beachten.

Schaut man sich nach den oben beschriebenen Faktoren einen typischen Aufbau eines Seilaufstieges an, so wird recht schnell klar, dass es je nach Wahl und Position des Sicherungsgerätes zu Problemen kommen kann.

Mantelriss

Kommt es zu einem Mantelriss, z.B. aufgrund von Sturzbelastung auf die Steigklemme, könnte die Steigklemme mit dem Mantel nach unten rutschen. Da sich durch den nun fehlenden Mantel der Durchmesser des Seiles (u.U. stark) verringert hat, ist zu bezweifeln, ob das Sicherungsgerät noch funktioniert, da der Seildurchmesser nicht mehr den Vorgaben des Herstellers entspricht.

Versagen der Steigklamme

Versagt nur die Steigklemme (z.B. durch einen Ast zwischen Klemmbacke und Seil) kann es zu folgenden Problemen kommen:

- Durch die sehr kurze Verbindung des Sicherungsgerätes (sieh Bild oben) zur Handsteigklemme kann sich das Sicherungsgerät nicht frei drehen bzw. abwinkeln. Eine sichere Funktion ist nicht gewährleistet.
- Befindet sich das Sicherungsgerät unterhalb der Steigklemme, ist es wahrscheinlich, dass durch Versagen der Steigklemme, verbunden mit einem Rutschen nach unten, die Steigklemme oben auf das Sicherungsgerät drückt und dieses ebenfalls behindert, sich zu verkanten und somit sicher zu blockieren.

Steigklemme versagt, rutscht nach unten und hindert das Sicherungsgerät daran, zu blockieren

Auch die Länge der Seilbrücke bzw. des Anseilpunktes vom Gurt zum Sicherungsgerät kann sich negativ auf die Funktion des Gerätes auswirken. Nach den Herstellerangaben richten!

Kommt noch eine Fußsteigklemme im Aufstiegssystem zum Einsatz, kommt es zu folgendem Problem:

Systemaufbau mit Handsteigklemme, Sicherungsgerät und Fußsteigklemme in gefährlicher Anordnung

Dadurch, dass die Fußsteigklemme belastet wird, ist nun das Seil oberhalb dieser bis zum Anschlagpunkt mit dem Körpergewicht belastet und somit nahezu gespannt. Da sich, wie weiter oben beschrieben, das Sicherungsgerät verdrehen muss, ist auch hier die einwandfreie Funktion durch das gespannte Seil nicht gewährleistet. Kommt nun noch hinzu, dass, wie ebenfalls oben beschrieben, die Handsteigklemme nach unten rutscht, würde diese auf das Sicherungsgerät drücken und es ebenfalls am Blockieren hindern.

Zuverlässigere Kombinationen

Folgende Systemaufbauten sind sicherer in ihrer Kombination, da das genutzte Sicherungsgerät sich nicht verdrehen muss, um zu blockieren. Auch ist es unerheblich, ob etwas oben auf das Gerät drückt oder das Seil durch eine Fußsteigklemme belastet und somit gespannt ist.

Systemaufbau mit Petzl ASAP

(Hier sind besonders die zugelassenen Längen der Verbindung zum Gurt der Gebrauchsanweisung zu entnehmen.)

Systemaufbau mit Bruststeigklemme

(Um die Steigklemme immer aufrecht zu halten und damit die Funktion zu gewährleisten, ist ein Brustgurt oder ähnliches zwingend erforderlich; im Bild nicht abgebildet.)

Trotz allem bieten die beiden Systemaufbauten auch keine hinreichende Sicherheit bei einem Mantelriss im Bereich der Handsteigklemme.

Fazit

Viele Methoden bzw. Zusammenstellungen bieten keinen wirklichen Schutz. Es muss im Einzelfall eine genaue Gefährdungsermittlung durchgeführt werden. Wichtigster Bestandteil ist hierbei die Gebrauchsanweisung des jeweiligen Herstellers und vor allem das Wissen wie das Gerät/die Blockierfunktion arbeitet. Ist dies bekannt, kann man schon einige Fehlerquellen ausschließen, bevor man eine böse Überraschung erlebt.

Der Autor übernimmt keine Haftung bei Unfällen etc. durch die gezeigten und beschriebenen Techniken.

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