Frühjahrsputz für Eure Seile

Kletterer gehen nach der Arbeit duschen – und Kletterseile? Auch die müssen irgendwann mal gereinigt werden. Wie das geht und worauf Ihr achten müsst.

Montag, 23.09.2019

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Kletterseile sind ständig im Einsatz, bei jedem Wetter – wie Kletterer eben auch. Doch springt ein Kletterer nach einem anstrengenden Arbeitstag einfach unter die Dusche. Das Seil, nun ja. Es ist eben ein Arbeitsgerät. Allerdings sollten auch Kletterseile ab und zu gereinigt werden. Wie’s geht und worauf Ihr dabei achten müsst.

Wann sollte das Seil gereinigt werden?

Angela Sipos, Leiterin der Abteilung “Baumpflege” bei der Firma Teufelberger, warnt davor, Kletterseile zu oft zu reinigen: „Waschen schädigt das Seil – es hat immer einen negativen Einfluss auf die Bruchkraft.“ Ein bis zweimal im Jahr sei allerdings unproblematisch, sagt Wolfram Müller, seit über 30 Jahren Seilermeister und bei der Firma Gleistein für Qualitätssicherung zuständig.

Im Zweifel dann besser gar nicht reinigen? Doch – denn auch starke Verschmutzungen richten Schaden an, so Müller: „Wenn der Schmutz nach innen dringt, kann er Fasern zerstören.“ In so einem Fall hilft dann allerdings keine Reinigung mehr – das Seil muss ausgetauscht werden.

Wie sollte es gereinigt werden?

Eine Seilwäsche ist also nicht nur möglich, sondern durchaus auch nötig. Aber wie?
Hier gehen die Meinungen auseinander: Angela Sipos hält moderne Waschmaschinen durchaus für geeignet: bei maximal 30 Grad, evtl. in einem Beutel und mit einem speziellen Seilwaschmittel oder einem Flüssigwaschmittel ohne Bleiche. Neueren Erkenntnissen zufolge sei sogar der Schleudergang unproblematisch. Wolfram Müller rät hingegen von der Maschine ab: „Das ist nicht schonend genug, außerdem könnte das Seil verknoten.“ Er bevorzugt die Wäsche in der Badewanne oder einem anderen großen Behältnis, die Maximaltemperatur gibt aber auch er mit 30 Grad an. Eine pH-neutrale Seife reiche als Waschmittel aus, so der Seilermeister.

Weichspüler ist allerdings tabu, ebenso ein gewöhnliches Pulverwaschmittel! Angela Sipos: „Bei unseren Tests hat ein ungebrauchtes Seil, nachdem es achtmal mit Pulverwaschmittel gewaschen wurde, mehr als 40 Prozent an Bruchkraft verloren.“

Was ist mit Kettenöl- oder Harzrückständen?

Anders als Sportkletterseile sind Baumpflege-Seile ganz besonderen Verschmutzungen ausgesetzt: klebrigem Harz, Benzin, schmierigem Motorsägenöl.

Harz sollte vorsichtig mit den Fingern abgelöst werden, empfiehlt Müller – „auf keinen Fall jedoch mit einem Messer, einer Schere oder dem Hochdruckreiniger!“ Denn das könnte die Litzen beschädigen und die Bruchlast beeinträchtigen.
Aber, und das ist die gute Nachricht: „Harzrückstände schützen das Seil vor Abrieb und werden mit der Zeit beim Klettern automatisch abgerieben“, erklärt Angela Sipos.
Vom immer wieder gern weitergegebenen Olivenöl-Tipp hält sie wenig: Das Öl könne sich negativ auf die Bruchlast auswirken, besser geeignet sei Aceton.

Kettenöl sei grundsätzlich erstmal kein Problem für neuwertige Seile, verspricht Seilermeister Müller. „Die Fasern, die wir einsetzen, sind benzin- und ölbeständig.“ Doch nach einiger Zeit lässt dieser Schutz natürlich nach. Und wie sieht es bei großen Mengen von Benzin aus? Angela Sipos: „Wir haben ungebrauchte Seile auf ihre Restfestigkeit getestet, nachdem sie drei Minuten in 2-Takt-Benzin getaucht und danach auf natürliche Weise getrocknet wurden. Dabei konnten wir keine Schädigung feststellen.“

Hat sich ein Seil jedoch mit Öl vollgesaugt, gilt: im Zweifel austauschen. Denn ölig kann es zur akuten Lebensbedrohung für den Kletterer werden, wie Müller erklärt: „Wenn das Seil glitschig ist, können auch die Klemmknoten nicht mehr richtig halten…“

Wie soll das Seil getrocknet werden?

Ein frisch gewaschenes Seil trocknet man am besten auf natürliche Weise, also nicht in der Nähe von Heizquellen oder an einer Feuerstelle.

Wie sollten Seile am besten gelagert werden?

Ein Seil sollte immer trocken, gut belüftet und kühl aufbewahrt werden. Auch direkte Sonneneinstrahlung tut ihm nicht gut – sie lässt die Fasern schneller altern. Der Kontakt mit Chemikalien sollte ebenfalls vermieden werden.

Wann sind Seile ablegereif?

Grundsätzlich sollte ein Seil vor jeder Nutzung kontrolliert werden – zeigen sich dabei Schäden, sollte man sie ernst nehmen, ganz unabhängig von der vom Hersteller festgelegten Ablegereife.
Das Seil muss auf jeden Fall dann ausgewechselt werden, wenn ein bis zwei komplette Litzen oder zehn Prozent der Garne durchtrennt sind. Auch starke Durchmesserschwankungen, also Verjüngungen an manchen Stellen, sind ein Hinweis auf gefährliche Abnutzung.
Und: Nach besonderen Spitzenlasten, also zum Beispiel nach einem schweren Sturz muss ein neues Seil her. „Nach einem Autounfall soll der Sicherheitsgut im Auto schließlich auch erneuert werden“, so Müller.

Angela Sipos empfiehlt Anwendern, so genau wie möglich Aufzeichnung über die Verwendung und Lagerung zu führen. „Sollten bei der optischen Kontrolle Anzeichen von UV- Schädigung (Vergilbung, Steifigkeit, Verblassen), von Hitzeschäden (Verglasung, Bräunung), Abrieb (Rauigkeit, abstehende Fasern) oder andere Anzeichen von Schädigung (laut Herstellerinformation) sichtbar sein, oder ist sich der Anwender unsicher, ob das Seil noch zu gebrauchen ist, muss es ausnahmslos ausgetauscht werden.“

Auch wenn Euer Seil von außen „noch ganz gut“ aussieht: Falls Ihr das Gefühl habt, es übermäßig starken Beanspruchungen ausgesetzt zu haben oder bereits eine gefühlte Ewigkeit damit klettert, gönnt Euch besser mal ein neues.
Denn die optische Kontrolle bietet keine abschließende Sicherheit – Tests der Firma Teufelberger haben nämlich auch gezeigt, dass äußerlich völlig unauffällige Seile stark bruchlastreduzierende Schäden aufweisen können.

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