Fair diskutieren oder vorschnell verurteilen?

Heute starten wir die neue Rubrik „Ausprobiert“. Im ersten Post soll es noch nicht um einen konkreten Produkttest gehen, sondern um den Wunsch nach einer fairen Diskussionskultur – am Beispiel des Petzl Zig-Zag.

Dienstag, 19.11.2019

Max Broekmann |

In der noch recht jungen Seilklettertechnik gibt es fast wöchentlich neue Trends, Produktkonfigurationen und Ideen. Hersteller sind darauf angewiesen, dass Nutzer ihre Erfahrungen einbringen, damit Produkte verbessert oder überhaupt erst entwickelt werden können. Wir können zugleich Informationsquelle und Innovationsmotor für die Hersteller sein und profitieren von innovativen Techniken, die so auf den Markt kommen.

Das macht unseren Arbeitsalltag nicht nur sicherer und effektiver, sondern erhöht oft auch den Spaßfaktor. Mit jedem neuem Produkt gehen die Hersteller jedoch auch ein relativ großes Risiko ein. Der Zig-Zag von Petzl ist ein Paradebeispiel: Der mechanische Klemmknoten gibt den Knotenkletterern unter uns die Möglichkeit, auf ein mechanisches Klemmgerät zurückzugreifen, das die simple und gewohnte Bedienung mit den Vorteilen des leichten „Fütterns“ und hundert-prozentigen Greifens des „Knotens“ kombiniert. Hört sich super an? Ist es auch!

Allerdings muss an dieser Stelle auch ein „Aber“ stehen. Denn mit der ersten Version des Zig-Zag gab es einen Unfall: Der Karabiner zur Befestigung des stehenden Seils konnte sich im Gerätekörper bewegen. Bei einer unbeabsichtigten Verdrehung dieses Karabiners konnten so Scher- bzw. Hebelkräfte auftreten, in Lastspitzen konnte das zu einem Versagen des Gerätekörpers führen. In einem Fall ist deshalb ein Baumpfleger abgestürzt und hat sich ernsthaft verletzt. Zum Glück ist der Betroffene aber wieder wohlauf.

Schnell wurde der Zig-Zag in der Szene als „Knick-Knack“ tituliert.

Der Unfall hat es in wenigen Stunden durch alle bekannten Baumkletter-Foren und -Gruppen rund um den Globus geschafft. Schnell wurde der Zig-Zag in der Szene als „Knick-Knack“ tituliert. Petzl entschied sich, die Geräte zurückzurufen. Jeder von Euch kann sich vorstellen, welche Folgen diese Entscheidung für Petzl hatte. Neben dem finanziellen Verlust musste sich Petzl mit dem wesentlich gravierenderen Verlust an Vertrauen auseinandersetzen.

Bei der überarbeiteten Version wird der Fehler nun durch eine gummierte Einlage und eine Verstärkung des Gerätekörpers unterbunden. Und wieder ein „Aber“: Denn Problem Eins war gerade gelöst, da tauchten die ersten Bilder von angerissenen Gliedern bzw. Vernietungen auf…

Wieder brach ein Sturm der Entrüstung los.

Fakt ist: Wir als Anwender hängen jeden Tag unser Leben an diese Geräte. Eine kritische und sorgfältige Auseinandersetzung mit solchen Fällen ist also essentiell. Dennoch: Was mir häufig an den Diskussionen über dieser Fälle fehlt, ist eine vernünftige sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Ein Bild wird hochgeladen, zu sehen sind drei beschädigte Glieder, es gibt keine Angaben zur Benutzung oder nur sehr sporadische Hintergrund-Infos.

In den Kommentarspalten erfolgt eine klassische Lagerbildung. „Der größte Schrott“, hetzen die einen, und „das Teil ist lebensgefährlich, sofort vom Markt nehmen“ während andere das betroffene Gerät über alle Maßen loben und die Schäden grundsätzlich der Fehlnutzung durch den Anwender zuschreiben. Bringt das die Hersteller weiter?! Bringt das uns Anwender weiter?!

Auch ich habe es geschafft, meinen Zig-Zag zu beschädigen.

Ein Kursteilnehmer, der meinen Zig-Zag ausprobiert hatte, machte mich darauf aufmerksam, dass sich das untere Glied fast vollständig gelöst hatte und zwei weitere Risse an den Vernietungen aufgetreten waren.
Ich selbst hatte die Risse zuvor nicht bemerkt. Obwohl auch ich weiß, dass die PSA vor, bei und nach jeder Anwendung zu kontrollieren ist. Ich bin meiner Pflicht als Anwender nicht bzw. nicht ausreichend nachgekommen. In den Rissen bzw. an den Bruchstellen hat sich Dreck und Harz angesammelt. Ein deutliches Indiz dafür, dass die Schäden schon vor längerer Zeit bzw. über einen längeren Zeitraum hinweg entstanden sind.
Ich unterstelle, dass mein Fehler der mangelnden Kontrolle auf viele Fälle übertragbar ist denn ich kann mir nicht vorstellen, dass drei Glieder zur selben Zeit Schaden nehmen.

So makaber es sich anhört, aber selbst ein beschädigter Zig-Zag hält mehr aus als wir.

Petzl hat mehrfach darauf hingewiesen, die bekannten Schwachstellen regelmäßig zu kontrollieren. Beschädigte Geräte werden kostenfrei ersetzt. Labortests mit eingeschickten Geräten haben ergeben, dass selbst dann, wenn das untere Glied halbseitig durchtrennt wird, das Gerät erst bei einer statischen Belastung von 15 kn versagt.

Wenn also eine Kraft von mehr als 1,5 Tonnen auf das System bzw. auf den Körper einwirkt, könnte das Klemmgerät versagen. Allerdings kann bei einer solchen Belastung auch eine Hüfte brechen, es können innere Blutungen und Quetschungen der Organe auftreten. Ich stelle die These in den Raum, dass die Mehrheit der genutzten Ankerpunkte bei solch einer Belastung versagen würden. Und wenn nicht, würden die Verletzungen einem den Rest geben. So makaber es sich anhört, aber selbst ein beschädigter Zig-Zag hält mehr aus als wir.

Was ich damit sagen will, ist Folgendes:

Beim Zig-Zag handelt es sich um ein neuartiges Produkt. Die Funktionsweise und Bedienung ist in dieser Form einzigartig auf dem Markt und füllt die Nische zwischen Klemmknoten und Klemmgerät sehr gut aus. Die Anwendung in der Praxis ist der einzig repräsentative Test. Kein noch so gut durchdachter Labortest bzw. Zugversuch im Rahmen der Zertifizierung ist in der Lage, allen Faktoren der täglichen Arbeit gerecht zu werden. Und: Petzl macht seine Hausaufgaben. Die Produktentwicklung sowie (Ursachen-) Forschung schreitet permanent voran. Darüber hinaus zeigt sich Petzl sehr kulant und der Umtausch beschädigter Geräte erfolgt problemlos.

Bevor wir also demnächst pauschal irgendwelche beschädigten Produkte als „Schrott“ verurteilen, sollten wir die Geschichte dahinter kennen. Wir sollten Nutzen, gewöhnliches Risiko und die tatsächliche Gefahr genau unter die Lupe nehmen, die Stellungnahme des Herstellers abwarten und sachlich darüber diskutieren, ob uns der Fehler früher hätte auffallen müssen.

Schließlich wollen wir alle unser persönliches Risiko immer weiter reduzieren, aber auch in Zukunft von Innovationen und kreativen Ideen profitieren.