Montag, 23.09.2019

Arborcamp 2015: Das muss man erlebt haben!

Max Broekmann |

“Where is the Passion…” So heißt es in einem Text der singenden belgischen Baumpfleger von TreeMagicaBeers. Wo sie ist, weiß ich eigentlich längst: Ich erlebe sie täglich bei der Arbeit, in Gesprächen mit Baumpflegern, für die diese Arbeit eben mehr als nur ein Beruf ist. Aber es gibt eine Veranstaltung, bei der sich diese Leidenschaft in allen Facetten erleben, bestaunen, genießen lässt: das Arborcamp.

Ich habe mich also auf den Weg gemacht, um das diesjährige Arborcamp zu besuchen und anschließend die Europäische Meisterschaft der Baumkletterer in Monza als Volunteer mitzugestalten – doch dazu an anderer Stelle mehr.

Erst Chaos – dann Kaffee

In diesen 13 Tagen und 2.289 gefahrenen Kilometer ist mir die Leidenschaft häufiger über den Weg gelaufen. Zugegeben, meine Reise begann ein wenig chaotisch: Zu den Lastminute-Vorbereitungen gehörte auch ein – eigentlich – routinemäßiger Wechsel der Vorderreifen an meinem Auto. Morgens um acht sollten die Reifen geliefert werden, um zehn sollte das Auto abfahrbereit sein. Alles absolut kein Problem, versprach man mir.

Mit einer kleinen Verspätung von siebeneinhalb Stunden kam endlich der ersehnte Anruf. Als ich das Auto kurz darauf abholen wollte, hatte es zwar zwei wunderbare neue Reifen, die allerdings hinten anstatt vorne montiert worden waren. Immerhin gab’s schließlich vier neue Reifen zum Preis von zweien.

Die diesjährige Ausgabe des dreitägigen Arborcamps sollte in der Nähe des Städtchens Neuchâtel am gleichnamigen See stattfinden. Obwohl verkehrsmäßig ein Albtraum, versprüht die Stadt mit ihren prunkvollen Gebäuden, der Seepromenade und dem türkisblauen Seewasser eine ganze Menge Charme.

Als ich endlich ankam, war der schmale Waldweg zur Anmeldung bereits gesäumt von campierenden Baumpflegern und in luftiger Höhe schwebenden Schlafplätzen.

Nachdem ich mich an meinem eigenen Schlafplatz eingerichtet hatte, brauchte ich erstmal einen guten Kaffee. Den ich prompt bekam: stilecht in der Krone einer prächtigen solitären Linde. Mehrere vorinstallierte Systeme, Sitzgelegenheiten und eine Kaffeemaschine warteten dort oben auf die Teilnehmer.

Zu den aus meiner Sicht größten Privilegien des Baumpflegers gehört es, sich in der Baumkronen aufhalten zu können. Dieses Privileg dann aber einmal auf einer Couch auskosten zu können: unbeschreiblich. Da kann man gar nicht anders, als Füße und Seele baumeln zu lassen.

Die Faszination für den Baum bildet einen Grundstein für unsere Passion. Sie eint Baumpfleger mit ganz verschiedenen Hintergründen und lässt sie zu Gelegenheiten wie dem Arborcamp zusammenkommen.

Nur fliegen ist schöner

Weiter ging es zur Seilbahn, die über eine Wiese mit Bienenstöcken und Wildblumen führte und einen herrlichen Blick auf den im Tal liegenden See bot.

Den Nachmittag verbrachten wir mit dem Bau eines Kokon in einer Buche am Waldrand. Das angefallene Schnittgut der Vorbereitungen diente als Baustoff. Jeder Teilnehmer konnte nach Belieben mitwirken und mitgestalten. Dasselbe galt für eine große Leinwand, die – zwischen zwei Bäumen gespannt – zu künstlerischer Betätigung einlud.

Austausch am Lagerfeuer

Zusammenkommen, mitwirken, gestalten – das waren nicht nur die Grundlagen dieser beiden Angebote sondern der gesamten Veranstaltung.
Am Abend erleuchteten zwei große Lager- und mehrere Schwedenfeuer (in der Schweiz Finnenkerzen genannt) die Wiese und luden zum Treffen und Verweilen ein. Die geschätzten 150 Baumpfleger, die sich den Tag über in kleinen Gruppen über das Gelände und in den Bäumen verteilt hatten, kamen jetzt zusammen, um sich kennenzulernen und auszutauschen.

“Das Arborcamp ist wie eine Meisterschaft ein großes Familentreffen, nur ohne Wettkampf und Punkte, ein Ort an dem man in guter Gesellschaft einfach sein kann.”

Ein langjähriger Begleiter die Veranstaltung

Eine Hausfassade wurde kurzerhand zur Leinwand umfunktioniert. Der Schweizer Baumpfleger und Hobby-Filmemacher Florim Ajda präsentierte einige seiner Werke. Florims Filme beweisen eindrücklich, dass es für ein schönes Baumpflege-Video nicht zwangsläufig einer leistungsstarken Säge oder eines außergewöhnlichen Baumes bedarf.

Die teils ungewöhnlichen Perspektiven der täglichen Arbeit genügen, um ein Bild des Baumkletterns zu zeichnen, mit dem man sich gerne identifiziert.

Am nächsten Tag testete ich den “Monkeytree” und die Highline.
Der Affenbaum bot die einmalige Gelegenheit, eine Buche fremdgesichert zu durchklettern. Der Aufbau ähnelte dem eines Speedclimbs – nur spielte der Zeitfaktor keine Rolle. Der Zugang zur Krone war mit Klettergriffen gestaltet und erwies sich als sportlich.

Leichter kam man auf die Plattform der zwischen zwei Bäumen gespannten Slackline. Ein nach oben laufendes Backup bot bei Bedarf eine gute Hilfe und machte selbst Neulingen wie mir ein Überqueren der Traverse möglich.

"Holzmusik" zum Abschied

Begleitet von Livemusik, gespielt auf geschälten und gewachsten Ästen und Baumscheiben und unterlegt mit zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigem Kehlgesang, fand der offizielle Teil des Camps sein Ende.

Die Stimmung, die Bäume, die Menschen: einfach eine tolle Erfahrung. Das Camp verfolgt keine kommerziellen Ziele, es gibt keine Sponsoren sondern “Gönner”. Viele Referenten verzichten auf ein Honorar.

Drei Tage, um diese ganz besondere Leidenschaft zu erleben, die uns Baumpfleger eint, drei Tage, um die Seele baumeln zu lassen.

Den Termin für das nächste Arborcamp solltet Ihr Euch auf jeden Fall rot im Kalender anstreichen.