Kletterer zwischen den Welten

Er ist überall zu Hause – und nirgends. “Es gibt keinen besten Platz”, sagt Jake James. Im Interview erzählt er von seinem Leben als Weltenbummler.

Montag, 23.09.2019

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Nur zwei bis drei Monate im Jahr verbringt Jake James zu Hause, im irischen Ballydehob. Für seinen Job zieht er um die Welt: mal per Auto, mal per Flugzeug – aber immer mit Seil und Klettergurt im Gepäck.

Jake, kannst Du Dich daran erinnern, wann Du zum ersten Mal für einen Job auf Reisen gegangen bist?

Irgendwann im Arboristik-Studium gab es diese Präsentationen von Leuten, die anderswo gearbeitet hatten. Ich wollte dann eigentlich nach Amerika, mit einem Freund. Der wurde aber nervös und ist abgesprungen. Also bin ich erstmal nur bis Belfast gekommen. Dort hab ich ein paar Neuseeländer kennengelernt und als die Firma in Belfast dicht gemacht hat, meinte einer, ich solle nach Christchurch, Neuseeland, kommen. Und so habe ich Europa zum ersten Mal verlassen. Danach bin ich dann auf eigene Faust durch Asien gereist, mit 20.
Am Anfang war ich eingeschüchtert aber irgendwann habe ich gemerkt: Wow, da draußen ist diese große weite Welt und das Reisen ist wie ein Rausch.

Was reizt Dich so daran?

Diese Möglichkeit, unterwegs zu sein, zu arbeiten, wo andere Urlaub machen, Orte zu entdecken, Dinge zu lernen, auch über Dich selbst. Ich glaube, dass man viel mehr lernen kann, wenn man so alle drei Monate das Unternehmen wechselt, für das man arbeitet. Denn jeder kann Dir etwas anderes beibringen.

Außerdem lernt man Orte mehr zu schätzen, wenn man weiß, dass man sie wieder verlassen wird. Wenn man irgendwo zu lange bleibt, merkt man, wie man in negative Gedanken verfällt: Dies ist schlecht, das ist schlecht. Und man wird materialistisch, häuft Dinge an. Aber das macht nicht glücklich, auf sein Geld zu warten, damit man sich davon irgendeine Sache kaufen kann, die man gar nicht unbedingt braucht. Und dann noch eine Sache und noch eine.

Das machst Du nicht?

Nein, ich habe normalerweise meine 20 Kilo Gepäck dabei, mehr nicht. Jetzt habe ich das Auto, fahre damit rum, schlafe darin, da habe ich natürlich auch etwas mehr Zeug. Aber normalerweise 20 Kilo, und ungefähr 18 Kilo davon sind Kletterzeug, eine Hose, Unterwäsche, das war es eigentlich.

Als Du nach Deinem ersten Trip wieder nach Hause kamst – wie war das?

Hey, ich war gerade durch Neuseeland gereist, ein atemberaubendes Land wie ich finde, und dann zurück nach Nord-England, wo es einfach nur . . . dunkel und winterlich war. Deshalb hab ich die Uni auch nicht zu Ende gebracht. Obwohl es nur noch drei Monate bis zum Abschluss waren. Naja, Herzschmerz kam auch noch mit dazu.
Wenn ich ehrlich bin, war mir das aber auch alles zu theoretisch an der Uni, ich wollte immer lieber klettern. Und wenn man jung ist – zumindest bei mir war das so – ist es viel erstrebenswerter, erstmal zu machen, was man am liebsten tut. Ich dachte: Wenn ich 30 bin, dann kann ich immer noch lernen und was anderes machen. Jetzt bin ich über 30, und ich klettere immer noch.

Du hast so viele Länder gesehen: Irland, England, Österreich, Schweden, Norwegen, Deutschland, Australien, Neuseeland, . . . Verrate uns – wo lebt es sich am besten?

Da gibt es eine Sache, die Du lernst wenn Du viel reist: Es gibt keinen besten Platz. Es sind immer unterschiedliche Dinge, die Du an unterschiedlichen Orten magst. Und das hängt irgendwie auch davon ab, wo man im Leben gerade steht. Als ich sehr jung war, war Australien super für mich. Große Bäume, große Baustellen, da konnte man so richtig das Ego füttern.
Irgendwann aber ermüdet Dich das und Du willst andere Sachen machen, es ist nicht mehr am wichtigsten, dass Du mit großen Maschinen arbeitest und große Bäume fällst. Ich arbeite gern in Deutschland, aber ich glaube nicht, dass ich hier leben möchte. Ich würde gern in Irland leben, aber dort arbeite ich nicht so gern. Deshalb bin ich eben unterwegs, um die perfekte Mischung zu haben.

Würdest Du sagen, dass Du ein freier Mensch bist?

Ja, ich denke schon. Ich habe mich niemals zu sehr an Dinge gebunden. Freiheit gehörte für mich immer zum Glück dazu. Zur Zeit habe ich weder finanzielle noch familiäre Fesseln, die mich zwingen, irgendwo zu sein. Aber das hat auch seinen Preis, denn es kann ja schön sein, Teil von etwas zu sein, dazuzugehören. Und wenn man niemandem richtig verbunden ist, passiert es auch, dass man zurückkommt, und niemand wirklich wissen will, was man erlebt hat und wie es einem geht, oder das auch gar nicht verstehen würde. Also spricht man auch nicht mehr drüber. Jemand fragt: Wie war es? Und man antwortet: Ja, nett.

Andererseits habe ich in ganz vielen Ländern gute Freunde gefunden weil ich ja auch immer wieder an die gleichen Orte zurückkehre. Und das ist wirklich wichtig, wenn man soviel herumreist wie ich. Menschen um sich zu haben, mit denen man reden kann. Denn so ein Leben kann auch sehr einsam sein manchmal.

Wie hältst Du diese Einsamkeit aus?

Eine gewisse Routine ist wichtig. Oft, wenn ich für Firmen arbeite, bekomme ich eine Unterkunft gestellt. So hat man sozusagen eine Ausgangsbasis. Ich gehe regelmäßig ins Fitness-Studio nach der Arbeit, denn die Abende sind sonst manchmal schwer zu füllen. Wenn ich das eine Zeitlang nicht mache, merke ich schnell, dass ich schlecht drauf bin, weil mir etwas fehlt.

Lass uns über Klischees und die Wahrheit darin reden: Wie ist die Einstellung der Leute in den einzelnen Ländern – zu den Bäumen, zu ihrer Arbeit?

Deutsche sind sehr stolz auf ihre Bäume, die Iren sind eher ungebildet, was Bäume angeht: „Oh, der Baum ist groß geworden, er könnte auf das Haus fallen, besser weg damit!“ Und sie lieben Feuerholz: „Oh, ein Baum? Lass uns ein Feuer machen…“
Hier in Deutschland stehen Bäume viel näher an Gebäuden dran und keinen stört es. In Australien wachsen Bäume so schnell, dass sie den Menschen komplett egal sind, zumindest im Norden.
Die Neuseeländer waren immer schon naturverbunden, in Norwegen hingegen haben sie zwar Unmengen an Bäumen, dafür scheren sie sich einen Dreck um Vögel: „Da ist ein Vogelnest im Baum – na und?“

Und wo sind die Regeln in der Baumpflege am strengsten?

In Australien gibt es zwar viele Regeln, überall stehen Schilder: „Du darfst dies nicht tun, und das nicht, pass auf dies auf, und auf das“ und so weiter. Aber bei der Baumpflege? Ich weiß nicht. In Deutschland gibt es auf jeden Fall die höchsten Standards. In Irland sind sie am niedrigsten. Man wird vielleicht auf eine Regel hingewiesen, aber letztlich liegt Dein Leben auch in Deiner Verantwortung. Niemand würde Dir sagen: „So darfst Du nicht klettern.“ So lange Du keine anderen Menschen in Gefahr bringst, kannst Du es machen, wie Du willst.
Eigentlich sollte Sicherheit immer eine persönliche Sache sein, die man selbst einschätzen muss.

Und was ist mit der Ausrüstung? Wer achtet da am meisten drauf?

In Australien kann es Dir passieren, dass jemand sagt „gib mir mal das blaue Seil“ aber Du kannst es beim besten Willen nicht finden. Warum? Weil die Farbe so ausgeblichen ist, dass es einfach kein blaues Seil mehr ist. Die Deutschen hingegen mögen funkelnde, glänzende Sachen: „Oh, das glänzt aber gar nicht mehr so schön – lass uns besser ein neues kaufen…“

Hattest Du eigentlich schonmal einen Unfall bei der Arbeit?

Ja, da habe ich in einer Kokospalme gearbeitet. Ich bin rauf, ein Kollege war daneben in einer anderen Palme. Und dann hat er dieses Wespennest getroffen und alle Wespen kamen herausgeschossen. Normalerweise stürzen sie sich direkt auf deine Augen, aber wir hatten ja Brillen auf, also hörte ich eine Zeitlang dieses “ding, ding, ding”, wie sie vor die Brillengläser flogen. Und, naja, ich bin ein bisschen allergisch gegen Wespen. Ich geriet also ein bisschen in Panik, wollte schnell wieder runter, und stürzte. Landete auf Beton. Aus acht Metern oder so. Sie dachten zuerst, ich hätte mir das Rückgrat gebrochen. Ich konnte mich nicht bewegen, habe nur die Köpfe von den Leuten über mir gesehen.

Was ist dann passiert?

Sie haben mich in ein Auto gepackt und ich war fest davon überzeugt, meine Füße würden noch draußen hängen. Also habe ich gebrüllt, dass sie auf keinen Fall die Tür zumachen dürften. Dann brachten sie mich zu einem Flugzeug, was mich wiederum zu einem Krankenhaus flog. Zum Glück waren es nur ein paar gebrochene Rippen oder so, nichts Schlimmes.

Als Du nach Deinem Unfall wieder angefangen hast zu arbeiten – hattest Du Angst?

Natürlich. Ich glaube, nach einem Sturz seine Angst zu überwinden, dauert länger als nach jedem anderen Unfall… Am schlimmsten ist es, wenn die Ausrüstung versagt hat. Man muss dann erst das Vertrauen in seine Ausrüstung zurückgewinnen und versuchen, diesen verunsicherten Teil des Gehirns auszuschalten.
Aber das ist Alltag: Als Kletterer versuchst Du immer, Ängste zu kontrollieren. Da gibt es schlüssige Ängste aber auch schwachsinnige Ängste, so wie: Oh Gott, dieser Karabiner wird bestimmt brechen. . . Trotzdem ist Angst eine wichtige Sache beim Klettern. Man muss eben nur wissen, wann man auf sie hören muss.

Was macht für Dich einen guten Baumkletterer aus?

Hmm, schwierig. Auf jeden Fall ist er ein guter Teamplayer. Du kannst nicht die ganze Zeit der absolute Kletter-Held sein wollen. Es geht nicht darum, der schnellste zu sein, sondern in einer Gruppe effektiv zu arbeiten. Du kannst zwar im Baum schnell sein, aber dann kommen die Bodenleute nicht hinterher. Da muss man eine Balance finden. Denn flüssige Abläufe sind der Schlüssel zu erfolgreicher Arbeit.

Und natürlich kommt es auch darauf an, dass man sich in den Kunden hineinversetzen kann und gute Kompromisse zwischen Kundenwünschen und den Ansprüchen der Natur findet. Man muss nicht nur die Klettertechnik beherrschen, sondern auch ein Verständnis für Biologie, für Pflanzen haben. Und für sich selbst sollte man in der Lage sein, mit seiner Energie zu haushalten, damit man möglichst lange arbeiten kann.

Du hast soviel Erfahrung – wolltest Du Dich da nicht auch mal im Wettkampf beweisen?

Ich habe nur einmal an einem Wettkampf teilgenommen, in Australien. Und auch nur weil mein Boss das damals wollte. Ich hatte ein Jahr vorher auf Single Rope Technique umgestellt und fragte, ob ich im Wettkampf auch so klettern dürfe. Erst hieß es „ja klar“. Einen Tag vorher „nein, doch nicht“. Vor dem Masters habe ich mir dann von einem Kollegen schnell noch ein paar Dinge erklären lassen, weil ich die nur mit SRT konnte. Ich habe dann zwar die beste Zeit geschafft, aber mein Ankerpunkt war nicht gut.
Am Ende wurde ich Zweiter. Aber ich war so unglaublich gestresst. Deshalb habe ich das Thema Wettkampf auch abgehakt. Ich kann auch gar nicht mehr mit zwei Seilen klettern, habe immer nur SRT gemacht. Außerdem bin ich total schlecht mit der Wurfleine.

Also hast Du auch keine Vorbilder beim Klettern?

Eigentlich nicht, zumindest keinen Wettkampfkletterer. Aber das ist dieser Australier, Graeme McMahon, der diese verrückten Rigging-Sachen macht – der ist schon ziemlich cool.
Ich neige eher dazu, Leute zu bewundern, mit denen ich gearbeitet habe, als Leute, von denen ich tolle Geschichten gehört habe.

Welchen Ratschlag würdest Du einem jungen Kollegen geben?

Arbeite hart und schätze auch die Arbeit am Boden. Die Bodenleute sind genauso wichtig wie die Kletterer. Manche jungen Kletterer wollen nur klettern und nicht auch mal einen Ast aufheben weil sie das für unter ihrer Würde halten. Dabei kommt es darauf an, als Team zu funktionieren.
Außerdem muss man geduldig sein und sich zwingen, seine Komfortzone zu verlassen, auch wenn einen das am Anfang nervös macht. Und man muss Experimente wagen, denn niemand kann einem alles beibringen, vieles muss man dadurch lernen, dass man es selbst ausprobiert.