Zu Besuch bei Skylotec

Im verschlafenen Neuwied hat ein ganz und gar nicht verschlafenes Unternehmen seinen Sitz: Skylotec. Das Unternehmen fertigt Ausrüstung für alle Sorten von Kletterern. Auch ein beliebter Baumpfleger-Klettergurt wird hier genäht.

Montag, 23.09.2019

Climbtools |

Neuwied hat einen Yachthafen und einen Hochwasserschutzdeich, einen Zoo, ein paar Burgen, eine beschauliche Bäckerei. Der Obstkuchen ist dort ganz passabel, und natürlich haben wir nichts gegen imposante Burgen oder Yachten, aber heute sind wir aus einem anderen Grund hier. An diesem trüben Tag vor Weihnachten fahren wir durch die rheinland-pfälzische 60.000-Einwohner-Stadt weil wir sehen wollen, wo der Kolibri herkommt. Was wir vorab verraten können: Wir werden ihn nicht im Zoo finden.

Sondern bei Skylotec, einem international agierenden Hersteller von Abseilgeräten, Seilen, Karabinern, Taschen und – dem bei vielen Baumpflegern beliebten Kolibri-Klettergurt.

Für alle, die ihn nicht kennen: Es sind die vielen Verstellmöglichkeiten und die versteiften Beinschlaufen, die den Kolibri auszeichnen. Wozu versteifte Beinschlaufen? Sie bieten die Vorteile eines Sitzbrettes, schränken aber die Bewegungsfreiheit nicht ein, was das Ganze ziemlich bequem und komfortabel macht…

Aus der Höhe, aus der Tiefe

Christoph Kühnel gehört beinahe schon zum Inventar von Skylotec, er arbeitete bereits für die Firma, als sie noch Eduard Kaufmann GmbH hieß – nach dem Namen ihres Gründers. Der hatte das Unternehmen 1948 aufgebaut und im wahrsten Sinne des Wortes ganz tief unten angefangen: in der Grube. Sein Sortiment: Sicherheitsgurte für den Bergbau und Schleifkörbe für die Grubenrettung. Heute poduziert Skylotec Ausrüstung für alle Arten von Höhen und Tiefen. Zielgruppe sind Industriekletterer ebenso wie Baumpfleger. Außerdem hat die Firma Bergsportbekleidung und allerlei Zubehör im Programm – vom Chalkbag bis zur Seiltasche.

Ganz offensichtlich läuft das Geschäft nicht schlecht: Der imposante Neubau, den man sich vor einem Jahr gegönnt hat, ist eines internationalen Players mit Niederlassungen in Nord- und Südamerika, Australien, China, Polen, Spanien, Italien, Schweden und Deutschland würdig: Anthrazitgraue Fassade, viel Glas, ein auffälliger Steinfußboden – wir sind beeindruckt.

Im Schnelldurchgang zeigt uns Christoph Konferenzraum und Showroom, schwärmt mit einer solchen Hingabe von den Produkten, dass wir glatt geneigt sind, etwas einzukaufen, was wir am Ende gar nicht brauchen. Also schnell weiter, in die Produktion.

In der für einen Vorabend noch immer recht betriebsamen Werkstatt montiert Olaf Lange ein Gerät mit dem klangvollen Namen Milan. Der Greifvogel ist ein echter Retter – ein Abseilgerät, mit dem auch weniger versierte Kletterer Verletzte aus großer Höhe retten können. Wichtig vor allem im Industriebereich – Bäume sind ja selten 500 Meter hoch.

Eine ganze Abteilung für die Sicherheit

In der Revisionsabteilung sind drei Mitarbeiter den ganzen Tag damit beschäftigt, Ware auf ihre Funktionsfähigkeit und damit auf ihre Sicherheit zu überprüfen: Gurte, Bandschlingen, Karabiner, Abseilgeräte, Hebezeuge, Anschlagseile, und, und, und.

So eine Abteilung haben wir auch: Auch bei uns werden regelmäßig die Persönlichen Schutzausrüstungen kontrolliert. Allerdings nicht mit drei Vollzeit-Mitarbeitern, und im Grunde ist es auch keine komplette „Abteilung“ – aber wir sind, verglichen mit Skylotec, ja auch noch klein, quasi ein Bäumchen neben einem Kühlturm…

Hinter der Revision führt eine unscheinbare graue Tür in das geheime Reich von Tanja Mürlebach. „Hier werden die Prototypen genäht“, verrät Christoph, öffnet die Tür einen kleinen Spalt und schließt sie sofort wieder. Das war’s – weitere Einblicke bekommen unsere neugierigen Augen nicht. Tanja sieht sehr sympathisch aus – soviel immerhin können wir verraten.

Weiter geht es zum Arbeitsplatz von „Karl-Heinz, dem Zerstörer“. Sein Job: Skylotec-Produkte kaputt machen. Natürlich alles im Sinne der Qualitätssicherung. Von jeder Lieferung sei ein bestimmter Teil einzig und allein dafür vorgesehen, Karl-Heinz’ gnadenloser Stabilitätsprüfung unterzogen zu werden, erklärt Christoph.

Was die für Arbeitsschritte haben – da würde ich mir die Finger brechen!

Christoph Kühnel, Skylotec

Karl-Heinz Ritzdorf, wie der „Zerstörer“ mit vollem Namen heißt, ist an diesem Vorabend nicht mehr am Werk – die Karabiner und Rollen in allen Größen und Varianten, die hier an einer Wand aufgereiht sind, genießen noch eine kleine Galgenfrist.

Und dann, endlich, betreten wir durch ein blaues Rolltor das Herzstück der Firma, zumindest sehen wir das so: die Näherei. Hier arbeiten im Schichtbetrieb viele, viele Näherinnen daran, dass die Klettergurte solide, komfortabel und natürlich auch ein bisschen schick geraten. Christoph zeigt uns die Baumuster, die sowohl hier als auch beim TÜV hinterlegt sind. 250 Gurte hat Skylotec im System, für jeden müssen die Muster vorhanden sein.
Verschiedene Teams in der Näherei sind für verschiedene Gurte zuständig. Jede Näherin, sagt Christoph, habe unter den Gurten so ihre „Steckenpferde“. „Aber manche können auch einfach alles gut.“
Einige Gurtmodelle sind in zehn Minuten fertiggestellt, andere, wie der Kolibri, nehmen ganze 45 Minuten in Anspruch. Geduld und Fingerspitzengefühl sind hier gefragt. „Was die für Arbeitsschritte haben“, setzt Christoph noch anerkennend hinzu, „da würde ich mir die Finger brechen“. Ein einzelner, an der Hallenwand positionierter Arbeitsplatz ist besonders hell ausgeleuchtet, die dunkle Tischplatte wird von einer strahlend weißen Wand umschlossen: Hier werden die fertigen Gurte noch einmal genauestens unter die Lupe genommen. Jede einzelne Naht.

Härtetest fürs Material

In einem Regal werden in drei Etagen übereinander Materialien aufbewahrt: Gurtbandspulen in verschiedenen Stärken und verschiedenen Farben: in Schwarz, Neonorange, Violett, Orange-Schwarz gemustert, … „Nur die gängigsten Sachen“ seien das, versichert uns Christoph.
In der Ecke schneidet eine Maschine Gurtmaterial. Stoisch verschluckt das Gerät Gurtmeter um Gurtmeter, lässt ihn über Metallrollen und -Schienen in seinem Inneren laufen, um an der vorgesehenen Stelle mit seinen Stahlstempeln zuzubeißen. Die so geschnittenen Stücke fallen in eine Kiste. Das Besondere: Die Maschine schneidet nicht einfach nur ab – sie kann gerade und winkelige Enden produzieren und außerdem Markierungen einarbeiten, um den Näherinnen die Arbeit zu erleichtern.

Durch ein weiteres Rolltor gelangen wir in ein kleines Lager, das „Handlager“, wo Waren eintreffen und versendet werden. Der Paketdienst komme mittlerweile dreimal am Tag, sagt Christoph.

Draußen, bei den gar nicht so kleinen Außenlagern, baumeln ein paar bunte Gurtbänder an einer Gebäudewand. Was aussieht, wie Weihnachtsbaumlametta für Kletterfreaks, ist ein Langzeittest: Hier soll sich zeigen, wie gut die Bänder Sonne, Wind und Wetter vertragen können. Denn wie sonst soll der Hersteller realistische Empfehlungen für die Nutzungsdauer aussprechen können? Für den Skylotec-Kolibri beträgt die maximale Lebensdauer übrigens sechs bis acht Jahre, dann sollte das Klettertier in den Ruhestand gehen.

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