Montag, 20.11.2017

Verbot von SRT-Geräten

Climbtools |

Ihr habt es sicher alle mitbekommen: In der vergangenen Woche hat das Gewerbeaufsichtsamt München Freeworker den Verkauf von SRT-Geräten wegen der fehlenden Zertifizierung untersagt. Damit ist ein lange schwelender Streit nun richtig entflammt: Erstmals hat sich mit der Behörde jemand „von außen“ eingeschaltet und klare Verhältnisse geschaffen. Das Thema ist jetzt nicht mehr nur auf den kleinen Kreis der Anwender, Dozenten und BG-Verantwortlichen beschränkt.

Die Emotionen kochen derweil über: Da ist von „Schreibtischtätern“ die Rede, die keine Ahnung hätten, da wird auf deutsche Bürokratie geschimpft, da heißt es trotzig: Man werde weitermachen wie bisher.

Wir haben den Streit mal zusammengefasst und ein paar relevante Statements gesammelt.

Für die Berufsgenossenschaft gilt: Sie muss sich an den rechtlichen Rahmenbedingungen orientieren.

Carsten Beinhoff, BG:
„Die PSA muss zertifiziert sein. Natürlich kann jeder klettern wie er möchte – für mich ist wichtig, dass die benutzten Geräte regelkonform sind. Ich habe selbst schon Situationen erlebt, in denen ich gern SRT genutzt hätte. Aber ich kann eben auch kein Auto fahren, das keinen Tüv hat.
Die SKT hat schon viele Freiheiten, verglichen beispielsweise mit den Industriekletterern, denen genau vorgeschrieben ist, welches Gerät genutzt werden darf. Natürlich könnten wir das ebenso handhaben – aber das wollen wir gar nicht.“

Valentin Dresely, versierter SRT-Anwender, Tüftler, Workshop-Leiter:
„Es musste schon immer zertifizierte PSA verwendet werden und keiner hat sich darüber aufgeregt. Auch in diesem Fall bezieht sich das Verbot ja nicht auf die Verwendung eines Arbeitsverfahrens (SRT), sondern auf die Verwendung von nicht zertifizierter PSA. Ich halte es für notwendig, dies noch einmal deutlich herauszustellen.“

Im Grunde wissen alle Anwender, dass sie sich mit der SRT in Deutschland derzeit noch auf sehr dünnem Eis bewegen. Schon seit Längerem ist klar: Bei SRT-Unfällen werden die Betroffenen Probleme mit ihrem Versicherungsschutz bekommen, die BG muss sie in Regress nehmen. Die Berufsgenossenschaft wird dabei von einigen zu Unrecht als Bösewicht hingestellt. Viele interpretieren ihre Ablehnung der SRT schlicht als Weigerung, sich neuen Entwicklungen zu öffnen. Doch das ist zu kurz gedacht: So lange die SRT-Geräte nicht die erforderlichen Zertifizierungen haben, kann die BG gar nicht anders, als sich dagegen zu sperren.

Carsten Beinhoff:
„Wenn die BG die SRT einfach anerkennen würde, und dann bei der Anwendung ein Unfall passiert, und das Ganze vor Gericht kommt – dann müsste sich die BG fragen lassen, wie sie als Berufsgenossenschaft denn überhaupt ein Verfahren genehmigen konnte, was nicht geprüft sei.
Klar gibt es erfahrene Leute, die wissen wie es geht – das größere Problem sind die Facebook-Kletterer, die gerade ihren A-Kurs gemacht haben, und sich nun ohne das erforderliche Fachwissen irgendetwas nachbauen.“

Valentin Dresely:
„Ich halte es für wichtig, dass die Anwender nicht vergessen, dass die Berufsgenossenschaft mit einem Verbot nicht zertifizierter PSA den Schutz der Versicherten im Auge hat.
Genauso halte ich es aber für wichtig, dass die Berufsgenossenschaft eben dieses Ziel nicht vergisst und ein Arbeitsverfahren verhindert, dass unter anderem Arbeitsergonomie und Arbeitssicherheit erhöhen kann und zudem an einem Punkt angekommen ist, an dem es weltweit zum Stand der Technik gehört.“

Die Unstimmigkeiten zwischen BG und Kletterern beziehen sich hauptsächlich auf die Einordnung des Ropewrench: Viele argumentieren, das eigentliche Sicherungsmittel sei doch nicht das Gerät, sondern der zertifizierte Klemmknoten – also alles kein Problem. Ganz so einfach ist es nicht: Der Klemmknoten am Einfachstrang lässt sich nicht ohne Wrench bedienen – also gehört der Wrench zum Klettersystem. Und alle Teile des Systems müssen zertifiziert sein. So sieht es die BG.

Valentin Dresely:
„In meinen Augen macht die BG einen Fehler, wenn sie die Verwendung des Ropewrench als klemmknotenbasiertes Einfachseilgerät (im Unterschied zum Hitchhiker ist hier der Klemmknoten bei einem Versagen des Gerätes völlig unabhängig) mit den anderen derzeit erhältlichen Geräten gleichsetzt. Es wäre möglich gewesen, das anders zu entscheiden.
Das soll allerdings nicht heißen, dass es nicht notwendig ist, auch für den Ropewrench eine Zertifizierung anzustreben – diese hätte es schon lange geben sollen.“

Warum die Händler in Deutschland bislang noch keine Zertifizierung für SRT-Geräte angestrebt haben? Weil es Sache der Hersteller ist. In den USA aber besteht kein Handlungsdruck, weil das dortige Rechtssystem sich mit Warnhinweisen zufrieden gibt und die Legalität der Geräte nicht an entsprechende Sicherheitsnachweise koppelt.
Anders sieht es mit den Geräten aus, die in Europa verkauft werden. Der BG, so ist aus ihren Reihen zu hören, wäre eine anständige Zertifizierung durchaus willkommen – doch darüber wird zwar seit Langem gesprochen, bisher aber ohne Ergebnis.

Valentin Dresely:
„Ich erhoffe mir, dass durch das Verbot endlich auch Druck auf die Hersteller ausgeübt wird. Bei ihnen sehe ich das eigentliche Versäumnis und den größten Handlungsbedarf.
Ich bin der festen Überzeugung, dass die SRT nicht mehr aus der Baumpflege in Deutschland wegzudenken ist.“

Carsten Beinhoff:
„Wir haben schon oft mit ISC darüber gesprochen, dass die Geräte zertifiziert werden müssen. Erst im vergangenen Jahr in Augsburg war das wieder ein großes Thema. Das Ergebnis: In der neuesten Bedienungsanleitung steht nun, dass der Ropewrench nicht für die Personensicherung geeignet ist.“

Von Seiten der BG kommt in diesem Zusammenhang aber nicht nur Kritik an den Herstellern, sondern auch an den Baumkletterern:

Carsten Beinhoff:
„Ich habe immer gesagt: Die Baumkletterer sind vernünftig. Doch die Entwicklung in Sachen SRT läuft komplett an der BG vorbei. Da passiert vieles heimlich, da werden SRT-Lehrgänge angeboten – obwohl es doch bislang gar keine zugelassenen SRT-Geräte gibt.“

Valentin Dresely:
„Ich denke, es gibt zur Zeit kein Thema in der Baumkletterszene, was ähnlich viel diskutiert wird und eine vergleichbar große Präsenz besitzt wie SRT. Dass Entwicklungen in der Kletterszene nicht direkt im Austausch mit der BG entstehen, sollte keinen verwundern. Dass aber von Seiten der BG der Wunsch besteht, an Entwicklungen teilzuhaben, halte ich wiederum für verständlich und wichtig.
Bisher ist die Zusammenarbeit von Kletterszene und BG immer als sehr gut beschrieben worden. Ich würde mir wünschen, dass das weiterhin so bleibt, und kann für mich sagen, dass ich jederzeit für einen konstruktiven Austausch offen bin. Wünschen würde ich mir aber auch, dass sich die BG doch noch einmal für eine Diskussion bezüglich des Ropewrench offen zeigt.“

Das Gewerbeaufsichtsamt München war für eine konkrete Stellungnahme bisher nicht zu erreichen, man versprach uns aber, sich in der kommenden Woche zum Thema zu äußern.

Ganz allgemein lässt sich jedenfalls sagen: In derartigen Fällen sind die Behörden immer daran interessiert, die Quelle ausfindig zu machen.
Natürlich wendet man sich zunächst an verschiedene Händler, um möglichst schnell zu verhindern, dass ein Produkt weiter verkauft wird. Als Verantwortlicher gilt jedoch der Hersteller, sofern er im europäischen Raum ansässig ist, oder aber derjenige, der das Produkt aus dem außereuropäischen Wirtschaftsraum eingeführt hat.

In diesem Fall also ist zu vermuten, dass zunächst die zuständigen Behörden in Großbritannien benachrichtigt werden und diese sich wiederum direkt an ISC wenden.
Gleichzeitig werden wahrscheinlich deutschlandweit weitere Händler darüber informiert, dass besagtes Produkt nicht mehr verkauft werden darf.

Aus dem Umfeld von ISC war nun übrigens zu hören, dass man erst jetzt begriffen habe, wie dringlich die Zertifizierung wirklich sei und nun mit Hochdruck daran arbeiten werde.

<   zurück Verbot von SRT-Geräten weiter   >