Rettung aus dem stehenden Seil

Die Rettung aus dem Aufstiegsseil wird oft für weniger relevant gehalten als die Außenastrettung – dabei kann sie im Arbeitsalltag schnell mal notwendig sein.

Montag, 20.11.2017

Rettung aus dem stehenden Seil

T. Benk, M. Broeckmann, J. Schmitz |

Die Rettung aus dem Aufstiegsseil ist ein Thema, das oft für weniger wichtig gehalten wird als die Außenastrettung – obgleich es im Alltag auf der Baustelle erhebliche Relevanz haben kann.
Es sind zahlreiche Szenarien denkbar, in denen ein Kletterer schon beim Aufstieg in eine bedrohliche Situation gerät, die eine Fremdrettung erforderlich macht, zum Beispiel herabstürzende Äste, stechende Insekten, Kreislaufprobleme, Angstzustände, Materialversagen oder Ankerpunktversagen.

Die Art der Rettung richtet sich nach der gewählten Anschlagvariante.

Würgender Einbau mit Butterfly

Das Seil würgend mit Butterfly einzubauen, ist zwar eine simple Methode, die auch an glatten Stämmlingen möglich ist und zudem den Vorteil bietet, dass keine Kraftpotenzierung am Ankerpunkt entsteht. 
Sie hat aber den Nachteil, dass die Seilstränge immer parallel ausgerichtet werden müssen, was natürlich Zeit kostet und fehleranfällig ist. Versagt hier der Ankerpunkt, kommt es zum ungebremsten Absturz. Außerdem ist auf diese Weise keine Rettung vom Boden möglich!

Einbau am Stammfuß mit Knoten

Wird das Seil am Stammfuß mit Knoten angeschlagen, entfällt das Erfordernis des parallelen Einbaus. Diese Variante ist schnell und verlangt kein zusätzliches Material – aber eine tragende Astgabel. Bei einem Versagen des Ankerpunktes besteht allerdings zumindest eine theoretische Möglichkeit, dass tiefere Astgabeln den Sturz abbremsen. Eine Rettung vom Boden ist hier möglich! 

Dadurch, dass das tragende Seil in Bodennähe angeschlagen ist, besteht allerdings ein höheres Risiko, dass es versehentlich bei Bodenarbeiten durchtrennt wird. Außerdem ist die auf den Anschlagpunkt wirkende Kraft nahezu doppelt so hoch wie beim würgenden Einbau und verursacht möglicherweise Baumschäden durch Reibung. (Ein Scheuerschutz ist daher empfehlenswert.)

Einbau am Stammfuß mit Abseilgerät

Beim Einbau am Stammfuß kann das Seil auch in einem Ablassgerät angeschlagen werden.
Die Nachteile sind die gleichen wie beim Einbau mit Knoten – und natürlich ist ein zusätzliches Gerät vonnöten.
Ein entscheidender Vorteil ist jedoch, dass so eine sichere Ablassmöglichkeit besteht, die nach Einweisung auch durch Ungeübte zu bedienen ist.

Bei einem Anschlagpunkt am Stammfuß ist eine Rettung vom Boden möglich.

Bei einem Anschlagpunkt am Stammfuß kann ein verletzter Kletterer vom Boden aus abgelassen werden. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Rettung gelingt zügiger, weil ein zeit- und kraftraubender Aufstieg entfällt. Der Retter ist in dieser Situation in der Regel konzentrierter und kann besser mit dem Verletzten kommunizieren, es entsteht weniger Hektik und Panik.
Bei dieser Variante entfällt auch das Risiko, dass zur Rettung erforderliches Material am Boden vergessen wird – bei Bedarf kann es viel schneller geholt werden. Zudem ist entscheidend, dass der Retter sich nicht selbst in Gefahr bringt.

Er hat allerdings nicht die Möglichkeit, direkt auf den Verletzten einzuwirken, indem er ihn durch einen Brustgurt stabilisiert, aus nächster Nähe beruhigt, Wunden versorgt oder andere Erste-Hilfe-Maßnahmen ergreift. Außerdem kann das Ablassen vom Boden aus in bestimmten Fällen beim Verletzten zusätzliche Panik auslösen.

Mit vorinstalliertem Abseilgerät

Die einfachste Variante der Rettung ist das vorinstallierte Abseilgerät. Hier muss nicht erst ein Knoten entlastet werden – das Ablassen ist sofort möglich. Auch ein geschulter Bodenmann kann diese Rettung durchführen, da lediglich ein Backupknoten gelöst und das Gerät betätigt werden muss.
Die spezifischen Nachteile der Anschlagvariante müssen jedoch berücksichtigt werden. (s.o) 
Wird ein Snakeanchor verwendet, ist zu bedenken, dass dieser nicht zu hoch angebracht wird – reißen die Nähte auf, um den Fangstoß zu dämpfen, rutscht das Abseilgerät nämlich mit nach oben.

[Zu den Rettungsvideos]

Mit Butterflyknoten und Wegdrehen des Stammanschlagknotens

Wird das Seil ohne Abseilgerät am Stammfuß befestigt, empfiehlt es sich dennoch, zwei zusätzliche Handgriffe zur Gewährleistung einer guten Rettungsmöglichkeit vorzunehmen: Zum einen sollte ein simpler Schmetterlingsknoten in das Seil gebunden werden, zum anderen sollte der Stammanschlagknoten ein gutes Stück um den Stamm herumgedreht werden.

Im Falle einer Rettung kann in den Schmetterlingsknoten ein Ablassseil eingebaut werden. Das Verdrehen des Stammanschlagknotens ermöglicht später ein leichtes Entlasten und Öffnen des Knotens. 

Zum Ablauf: Ablassseil (Kletterseil) im Schmetterlingsknoten anschlagen, Knoten am Stammfuß mithilfe des eigenen Körpergewichts entlasten, Knoten lösen, Verletzten über das Klettersystem ablassen.

[Zu den Rettungsvideos]

Mit PSA-Flaschenzug

Die Variante, die dem Retter den größtmöglichen Handlungsspielraum einräumt, ist die Nutzung eines PSA-Flaschenzuges. Denn es besteht hier keine direkte Verbindung zwischen Retter und Verletztem, so dass auch Faktoren wie Seilverlauf, -reibung oder Gewichtsunterschiede zwischen den beiden Kletterern keine große Rolle spielen. 

Zunächst wird ein zusätzlicher Anschlagpunkt am Stamm geschaffen und dort der Flaschenzug eingehängt; das Klettersystem wird am Aufstiegsseil installiert. Dann werden Klettersystem und Flaschenzug miteinander verbunden und der Flaschenzug mithilfe des Klettersystems vorgespannt.
So kann nun der Verletzte angehoben und der Knoten entlastet und geöffnet werden. Anschließend wird der Verletzte abgelassen.

[Zu den Rettungsvideos]

Ist das Seil oben würgend angeschlagen, ist eine Rettung nur kletternd möglich.

Bordmittelrettung

Um möglichst wenig Zeit zu verlieren, kann eine solche Rettung mit den normalerweise vorhandenen Materialien bewerkstelligt werden: Der Retter steigt am Seil des Verletzten hinauf und richtet oberhalb von dessen Steigklemmen mit Klemmknoten, Karabiner (und ggf. Rolle) eine Umlenkung ein. Dort lenkt er sein eigenes Klettersystem um und hängt den Karabiner anschließend aber nicht bei sich ein, sondern befestigt ihn am Gurt des Verletzten. Dann wird das Ganze gestrafft und ein Reibungserzeuger auf dem Seil installiert.
Mittels Expresse oder Kurzsicherung baut der Retter nun eine Verbindung zum Verletzten auf. 
Anschließend baut er sich aus dem eigenen System aus und nutzt sein Körpergewicht, um den Verletzten anzuheben und ihn so aus seinem System zu lösen.
Nun setzt er einen Backupknoten unterhalb der Umlenkung und kann sich und den Verletzten gemeinsam über den Reibungserzeuger und den eigenen Klemmknoten ablassen. 

Diese Variante kann dann zu Problemen führen, wenn ein großer Gewichtsunterschied zwischen den beiden Kletterern besteht.

Rettung mit PSA-Flaschenzug

In einem solchen Fall wäre die technische Variante mit PSA Flaschenzug die beste Wahl. Sie bietet außerdem den Vorteil, dass mit dem Doppelseil abgelassen wird, und dieser Teil der Rettung somit auf der gewohnten Handhabung des Systems basiert.
Wieder wird eine Umlenkung inklusive Backupknoten oberhalb des Verletzten eingerichtet, an der sich der Retter mit dem Doppelseil sichert. Dann installiert er den Flaschenzug und baut eine Verbindung zwischen sich und dem Verletzten auf. Anschließend hängt er das Klettersystem des Verletzten in den Flaschenzug ein, entfernt das Schlaffseil und hebt den Verletzten an, um ihn auszubauen. Nun wird der Flaschenzug mit einem Mastwurf gesichert, dann kann abgefahren werden.

Als Nachteil ist hier der hohe Materialaufwand zu betrachten. Außerdem ist die Handhabung der Rettungsmittel selbst eher ungebräuchlich und müsste zusätzlich trainiert werden.

Selbstrettung

Die Ideallösung ist natürlich immer eine Selbstrettung, sofern diese dem Verletzten körperlich möglich ist.
Wer mit Geräten wie dem Rope Wrench klettert, ist hier in der komfortablen Situation, sich selbst ohne besonderen Aufwand ablassen zu können, da der Wechsel zwischen Auf- und Abstieg jederzeit möglich ist. Anstatt erst umbauen zu müssen, kann der Kletterer sofort (nach Lösen von Hilfsmitteln wie Fußsteigklemmen oder Bungeetool) wieder am Seil nach unten. 

Doch es gibt auch Nachteile: So sind Einfachseiltechniken und die dazugehörigen Geräte nicht von der BG als Arbeitsmittel zugelassen. Und nicht nur das: Denn wenn diese Techniken zum Arbeiten genutzt werden, fehlt oft ein freies Aufstiegsseil, das den schnellen Zustieg des Retters erlaubt, falls keine Selbstrettung möglich ist.

Achtung bei Seilschäden!

Weist das Seil starke Beschädigungen auf, ist kein Nachsteigen am selben Seil möglich! Zu Mantelschäden kann es bereits bei Belastungen zwischen 4,05 und 7,64 kN kommen, die schon bei einer vergleichsweise geringen Sturzhöhe entstehen. Diese Zahlen stammen aus einem Versuch der treemagineers.

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