Freitag, 22.09.2017

Freie Ausbildung: Fragen an die ersten Azubis

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Die Freie Ausbildung ist nicht bloß ein theoretisches Konstrukt: David Jannke und Swantje Kalthoff sind die beiden ersten angehenden Baumpfleger, die von der Firma Benk im Rahmen dieses Konzeptes ausgebildet werden. Ein Gespräch über die Annehmlichkeiten eines flexiblen Lehrplans, die Bedeutung staatlicher Abschlüsse und den Luxus umfassender Qualifizierungsmöglichkeiten.

Ihr macht zur Zeit eine dreijährige Ausbildung, an deren Ende Ihr keinen staatlichen Abschluss haben werdet. Dennoch seht Ihr ziemlich entspannt aus. Wie kommt's?

Swantje: Natürlich habe ich anfangs darüber nachgedacht, ob das für mich irgendwie problematisch ist. Aber soviel Wert lege ich einfach nicht darauf, am Ende einen Zettel zu bekommen, auf dem der Staat mir bescheinigt, dass ich etwas kann. Wir bekommen schließlich auch andere Bescheinigungen, die nachweisen, was wir gelernt haben.
David: Dass es keine staatliche Ausbildung ist, hat mich relativ wenig abgeschreckt. Natürlich muss ich fairerweise dazu sagen, dass ich auch schon eine abgeschlossene staatliche Ausbildung als Physikalisch-technischer Assistent in der Tasche habe. Das hat es mir vielleicht etwas leichter gemacht.

Als Ihr mit der Ausbildung angefangen habt, wie war das für Euch: ein Sprung ins kalte Wasser? Oder hat Euer Vorwissen für einen guten Start ausgereicht?

Swantje: Naja, ich wusste aus meiner forstwirtschaftlichen Ausbildung, wie man die Motorsäge anpackt, kannte mich schon ein bisschen mit Bäumen aus und die Arbeitsabläufe waren mir teilweise auch geläufig. Im Praktikum war ich auch schon ein wenig geklettert – nur den SKT-A-Schein hatte ich eben noch nicht. Aber das war ja auch keine Voraussetzung.
David: Ich habe vorher zwar im Hochseilgarten gearbeitet, aber die zuständige Berufsgenossenschaft Verwaltung fordert keine SKT-Scheine, sondern nur mündliche Einweisungen. Insofern war es lehrreich zu sehen, wie es richtig geht und die Vorteile einer strukturierten Arbeitsweise in diesem Bereich kennenzulernen. Ich hatte den Eindruck, dass mich das persönlich sehr schnell vorwärts gebracht hat.

Was gehört denn alles zum praktischen Teil der Freien Ausbildung?

Swantje: Wir fahren regulär mit zu Baustellen und arbeiten bei Fällungen und in der Baumpflege mit. Ich war auch schon bei einigen Baumkontrollen dabei oder bei Baumkatastererstellungen. Es ist auch geplant, dass wir mit zu Besichtigungsterminen kommen, wenn Baustellen aufgenommen werden. Außerdem sollen wir in der zweiten Ausbildungshälfte die Arbeit im Büro noch näher kennenlernen, also die Disponierung des Personals und der Baustellen.

Unterscheidet sich die Ausbildung organisatorisch sehr stark von dem, was Ihr im Rahmen Eurer staatlichen Ausbildungsformen kennengelernt habt?

David: Der größte Unterschied ist sicherlich der, dass es keine Berufsschulklassen gibt und dass wir keinen strikten Lehrplan haben. Natürlich existiert einen Rahmenlehrplan, der die Inhalte der Ausbildung vorgibt, aber die Details können direkt mit dem Betrieb abgesprochen und umgesetzt werden, was ich als sehr positiv empfinde. So fügen sich die Ausbildungsinhalte besser in den Berufsalltag ein. Wenn es gerade nicht passt, kann ich ein Seminar auch zu einem anderen Zeitpunkt machen, was bei einer staatlichen Ausbildung so sicher nicht möglich wäre.
Swantje: Ein weiterer Unterschied ist unsere Stellung im Betrieb. Ich habe das Gefühl, hier in der Firma nicht nur „der Azubi“ zu sein, sondern eine vollwertige Mitarbeiterin.

Das klingt nach Begeisterung auf ganzer Linie. Gibt es auch Dinge, die besser laufen könnten?

David: Es wäre sicherlich sinnvoll, sich mit anderen Auszubildenden austauschen zu können. Auf lange Sicht ist ja die Bildung überregionaler Lerngruppen angedacht, wenn verschiedene Betriebe ähnlich ausbilden. Davon würde die Qualität der Seminare sicher auch noch profitieren.
Für uns kommen in den Kursen häufiger mal Wiederholungen vor, weil wir viele Kurse absolvieren, die nicht perfekt ineinander greifen – denn die Zielgruppe ist oft sehr weit gefasst. Da kommen verschiedene Teilnehmer mit verschiedenen Vorkenntnissen zusammen, die dann zu Beginn erst einmal alle auf einen ähnlichen Stand gebracht werden müssen. Das könnte runder laufen, wenn alle Teilnehmer von vornherein auf einem ähnlichen Niveau wären. Aber immerhin: Dadurch, dass man die Informationen direkt zu seiner täglichen Arbeit erhält, kann man sie ausgezeichnet einordnen.

Welche Zertifikate habt Ihr denn nach knapp acht Monaten Ausbildung schon in der Tasche?

David: Es ging los mit dem AS Baum I Kurs direkt in der ersten Woche, dann der SKT-A-Kurs – den ich ja schon vorher gemacht hatte – , dann der Baumpflegekurs Obstbaumschnitt, . . .
Swantje: . . .dann kamen noch der Kurs zu Baumpilzen und die PSA-Sachkundeschulung. Und wir waren in Hannover beim Gehölz-Symposium mit Vorträgen zu verschiedensten Themen im Bereich Garten. Das war auch sehr spannend.

Grundsätzlich soll ja alle sechs Wochen ungefähr eine Fortbildung stattfinden. Klappt das?

David: Im Grunde schon. Mir fehlt ein Kurs aber der lässt sich beizeiten nachholen. Da ist es von Vorteil, dass es keine externe Prüfstelle gibt, die deswegen Probleme macht.

Ungefähr nach der Hälfte der Ausbildung sollt Ihr eine Zwischenprüfung absolvieren – wie wird die aussehen?

David: Da wird entweder der ETW oder der Baumkontrolleur anstehen. Hinzu kommt eine Projektarbeit. Zum Beispiel die – natürlich betreute – Abwicklung einer kompletten Baustelle, oder eine theoretische Arbeit, etwa zur Baumstatik.

Wenn Ihr auf anderem Wege in die Baumpflege hättet kommen wollen, wäre das zulasten der Qualifikationen gegangen?

Swantje: Zumindest in dieser kurzen Zeit ganz sicherlich. Denn die Kurse sind wirklich teuer. Hätten wir uns das alles selbst finanzieren müssen, plus die Ausrüstung, die ja jetzt der Betrieb stellt, wäre das für uns bestimmt nicht zu stemmen gewesen.
David: Das ist auch eine Frage des Zeitmanagements. Wenn ich fest für einen Betrieb arbeite, habe ich ja auch nur begrenzt Anspruch auf Freistellung für Fortbildungen. Da würde die Zeit einfach fehlen. Viele Seminare finden ja werktags statt. Also müsste man Urlaub nehmen – und die Kosten kämen eben noch hinzu.
Für viele Kurse hätte man sich deshalb vielleicht gar nicht entschieden, weil man das für ökonomisch nicht sinnvoll gehalten hätte. Dabei bringen sie enorm viel, auch wenn man einige Inhalte vielleicht bei der täglichen Arbeit im Betrieb ganz nebenbei mitbekommen würde. Aber es ist noch etwas anderes, das in strukturierter, gebündelter Form zu lernen. So erreichen wir durch diese Ausbildung ein Maß der Qualifizierung, das anders für uns kaum finanzierbar wäre.

Habt Ihr in der kurzen Zeit schon einen Lieblingsbereich oder eine Lieblingstätigkeit für Euch entdecken können?

David: Schwer zu sagen. Das Klettern macht mir selbstverständlich viel Spaß; auf lange Sicht wird es vermutlich dennoch eher auf den theoretischen Teil hinauslaufen: Baumkontrolle, Baumkataster – aber das kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.
Swantje: Einen Bereich, der mir am besten gefällt, habe ich bis jetzt noch nicht gefunden. Allerdings habe ich in den letzten Wochen festgestellt, dass mir Obstbaumschnitt viel Spaß macht.

Wie sollte es nach der Ausbildung idealerweise für Euch weitergehen?

David: Konkret ist noch nichts angedacht. Schön wäre es natürlich, erst einmal vom Betrieb übernommen zu werden und weiter Berufserfahrung zu sammeln. Nach der Ausbildung ist auf jeden Fall bei mir noch der Fachagrarwirt geplant. Und dann muss man schauen, was sich daraus ergibt. Auch eine Anstellung im öffentlichen Dienst kann ich mir vorstellen.
Swantje: Es ist ja doch noch recht lange hin bis zum Ausbildungsende. Ich finde diesen Betrieb super und ich arbeite sehr gerne hier, daher kann ich mir gut vorstellen, hier auch noch länger zu arbeiten. Aber klar ist für mich auch, dass ich später auf jeden Fall noch mehr machen möchte, noch andere Bereiche kennenlernen, ich bin ja auch erst 20.

Womit wir wieder beim fehlenden staatlichen Abschluss wären – habt Ihr manchmal Sorge, dass die Ausbildung vom künftigen Wunsch-Arbeitgeber nicht anerkannt wird?

David: Gut ist ja, dass die Ausbildung für den Fachagrarwirt qualifiziert, insofern kann man nach den drei Jahren noch einen staatlich anerkannten Berufsabschluss erwerben, wenn man das möchte. Im öffentlichen Dienst wird man den auch brauchen, bei Baumpflegebetrieben wohl nicht unbedingt.
Swantje: Ich denke auch, dass die Ausbildung von den meisten Baumpflegebetrieben anerkannt wird. Im Bezug auf andere Bereiche bin ich nicht sicher, wie die Chancen auf die Anerkennung stehen.

Es wird ja überlegt, Betriebe, die eine solche Ausbildung anbieten möchten, anhand bestimmter Kriterien zu überprüfen und eine entsprechende RAL-Zertifizierung zu vergeben. Würde so etwas die Freie Ausbildung nach vorne bringen?

David: Sicher! Eine Zertifizierung würde sicherlich dazu führen, dass mehr Leute diese Ausbildung machen. Dann müsste man nicht jedem Arbeitgeber erklären, was man da jetzt für einen Abschluss in der Hand hat. Außerdem würde es natürlich die Entstehung der eingangs angesprochenen Lerngruppen fördern. Es wäre sicher auch leichter, sich nach der Ausbildung zu bewerben, weil die Betriebe genauer wüssten, was sie da für einen Arbeitnehmer bekommen.

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