Montag, 20.11.2017

Das Konzept „Freie Ausbildung“

Wege in die Baumpflege gibt es viele: das Arboristik-Studium, verschiedene Ausbildungsgänge, der Quereinstieg über Praktika und entsprechende Kurse.
Berufseinsteigern mit dem eindeutigen Berufsziel Baumpfleger/in erscheinen diese Wege oft unübersichtlich und umständlich. Muss eine neue Ausbildungsform her?
Jörn Benk, Leiter der Baumkletterschule Benk, hat ein Konzept ausgetüftelt, das hochqualifizierte Baumpfleger/innen hervorbringen soll – und zwar auf direktem Wege. In einem Gastbeitrag erklärt er die Hintergründe seiner Idee.

Gastbeitrag von Jörn Benk |

Schon wieder etwas zum Thema Baumpfleger-Ausbildung. Gibt es denn da nicht längst genug Möglichkeiten? Bevor der eine oder andere sich jetzt augenrollend abwendet: Ich finde, dass die Idee, die ich vorstellen möchte, nicht in Konkurrenz zu bestehenden Formen tritt, sondern grundlegend anders ist – und vielleicht sogar den anderen Formen neue Teilnehmer zuführen könnte. Seit September 2015 gehen wir mit zwei Auszubildenden und entsprechender Entlohnung in unserer Firma folgenden Weg, der sich vielleicht auch auf andere Betriebe übertragen lässt.

Theorie und Praxis

Der Oberbegriff ist „Freie Ausbildung“ und gründet sich auf meine Erfahrung als Dozent für Bodenkunde bei den Demeterbetrieben, die eine solche Freie Ausbildung schon lange anbieten.

Aber was genau bedeutet das: Freie Ausbildung? Unsere beiden Auszubildenden haben sich für drei Jahre festgelegt, bei uns zu lernen. Wir bieten ihnen ein aufeinander abgestimmtes Ausbildungskonzept mit Fortbildungen, die im Schnitt alle sechs Wochen bei den einschlägig bekannten und anerkannten Instituten stattfinden. Dazwischen lernen die Auszubildenden den Arbeitsalltag am Boden, am Baum, im Team und beim Kunden intensiv kennen.

Es gibt feste Theorietage, an denen sie frei oder gelenkt nach Aufgaben studieren, lernen, sich weiterbilden. Hinzu kommen Bürotage, an denen sie intern in Kalkulation und Abwicklung bis hin zur Nachkalkulation der Baustellen unterrichtet werden.
Sie nehmen an Baumkontrollen, der Akquise und der Beratung der Auftraggeber teil – selbstverständlich ohne dabei einen wirtschaftlichen Zweck zu erfüllen.

Prüfungen und Lernkontrollen

Nach etwa eineinhalb Jahren erfolgt eine Zwischenprüfung und eine eigenständige Projektarbeit. Nach drei Jahren stehen eine Abschlussprüfung und eine Projektarbeit mit vorgegebenem Thema an. Zusätzlich kann innerhalb der drei Jahre die Ausbildung und/oder Prüfung zum ETW oder, wenn möglich, zum Fachagrarwirt erfolgen.

Etwa alle sechs Wochen findet ein ausführliches Ausbildungsgespräch zwischen Ausbilder und Auszubildenden statt, an dem zum Beispiel die persönlichen Fortschritte, etwaige Kritik, Wünsche der Azubis und das weitere Vorgehen besprochen werden.

Wenn nun mehrere Betriebe ein solches Ausbildungsprogramm durchführen würden, oder geeignete Betriebe zu einer Kooperation bereit wären, könnte ein jährlicher Austausch oder ein mehrwöchiges Praktikum in anderen Fachfirmen stattfinden, um den Azubis Einblick in andere Strukturen, Vorgehensweisen, regionale Unterschiede, Praktiken und Fähigkeiten zu ermöglichen.

Die Finanzierung

Die Bezahlung erfolgt nach dem üblichen Lohn für Auszubildende. Der Betrieb bzw. Ausbildungsleiter plant und finanziert alle Fortbildungen, PSA-, Reise- und Unterbringungskosten, stellt geeignetes internes Personal an den Ausbildungstagen zur Verfügung und sorgt für einen befriedigenden Lernfortschritt der Auszubildenden.

Nach drei Jahren ist dem Betrieb nach meiner Berechnung kein wirtschaftlicher Verlust entstanden, ganz im Gegenteil: Bereits im dritten Lehrjahr kann die Investiton des ersten Jahres kompensiert sein und ein intensiv ausgebildeter und eingearbeiteter Mitarbeiter die Firma bereichern.

Das Ziel

Die auf diese Weise ausgebildeten Baumpfleger/innen sollen in jedem Baumpflegebetrieb nach kurzer Einarbeitung sofort eigenverantwortlich einsetzbar sein und die typischen Aufgaben fachlich auf hohem Niveau erfüllen können. Zudem sollen sie um ihre persönlichen Schwächen und Stärken wissen, und ihre Vorstellungen, Ziele, Perspektiven in der Baumpflege definieren können.

Spätestens hier setzen auch die etablierten Aus- und Fortbildungen an. Welcher dieser Wege für den Absolventen in Frage kommt, lässt sich für ihn nach drei Jahren Ausbildung souverän entscheiden.

Da am Ende der Freien Ausbildung „nur“ ein betriebliches Zertifikat und auf Wunsch ein Zeugnis ausgestellt wird, entsteht den etablierten Wegen keine vergleichbare Konkurrenz, stattdessen werden ihnen engagierte und ambitionierte Teilnehmer zugeführt.
Zusätzlich werden neue interessierte Teilnehmehmerkreise angesprochen, die sich durch den Filter der Anforderungen an den Auszubildenden auszeichnen konnten und häufig weitere, offiziell anerkannte Qualifikationen anstreben werden.

Vorrangiges Ziel des ausbildenden Betriebes sollte also nicht sein, für das eigene Unternehmen geeignete Mitarbeiter zu rekrutieren, sondern hoch qualifizierte Fachkräfte für den Markt und die anspruchsvolle Baumpflege auszubilden. Dennoch liegt es nahe, dass der Ausbildungsbetrieb den Mitarbeiter gerne halten möchte, zumal dieser sich in vielen Fällen auch in besonderer Weise mit dem Unternehmen identifizieren wird.

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