Montag, 20.11.2017

SRT: Am Einfachseil den Arbeitsalltag meistern

Climbtools |

In Deutschland bislang eher was für Experimentierfreudige, in den USA hingegen längst Standard: die Einfachseiltechnik, oder auch single/stationary rope technique (SRT).
Valentin Dresely gibt Workshops im Einfachseilklettern, Jake James klettert seit etwa fünf Jahren hauptsächlich SRT. Im Interview erklären die beiden uns die Stärken und Schwächen dieser Technik.

Jake James

Einfachseil versus Doppelseil – welche Technik ist denn nun die bessere?

Valentin: Die Seilklettertechnik an sich ist ein Werkzeug für Baumpfleger – und jede Variante dieses Werkzeugs hat ihre spezifischen Vor- und Nachteile. Pauschal kann man nicht sagen, eine Technik wäre besser oder was für wen besser geeignet ist. Das hängt vielmehr davon ab, wie stark jemand die jeweiligen Vor- und Nachteile gewichtet.

Ich gebe mal ein Bespiel: Beim Einfachseil fällt der Flaschenzug-Effekt weg. Das bedeutet, dass der Kletterer mehr Kraft für Aufwärtsbewegungen am Seil braucht – aber auch, dass er weniger Weg zurücklegen muss. In bestimmten Situationen kommt es auf diese Weise zu sehr hohen Lastspitzen – manchen Kletterern liegt das gar nicht, sie werden mit SRT nicht so gut zurecht kommen, andere würden das hingegen niemals als Nachteil betrachten.

Jake: Es gibt keine Idealtechnik – am besten ist ein „Hybridstil“, der geschickt verschiedene Techniken kombiniert: Man muss je nach Situation die am besten geeignete Variante auswählen, ob nun am Doppel- oder Einfachseil.
Ich denke allerdings, dass SRT insgesamt etwas ergonomischer ist. Wenn Baumpfleger irgendwann Schmerzen beim Klettern haben, liegt das oft daran, dass kleine Muskelgruppen in den Schultern dauerhaft überstrapaziert worden sind. Bei SRT kann man beim Aufstieg die Beinmuskulatur viel stärker nutzen. Außerdem lässt die Technik dank der Umlenkungen oftmals bequemere Arbeitspositionen zu – und wenn man es bequem hat, fühlt sich die ganze Arbeit sicherer an und geht viel leichter von der Hand.

„Am besten ist ein ‘Hybridstil’, der geschickt verschiedene Techniken kombiniert.“

Jake James

Könnt Ihr Beispiele für Arbeitssituationen nennen, in denen SRT optimal geeignet ist?

Valentin: Bäume mit sehr großen Kronen, in denen weite Strecken zurückgelegt werden müssen, lassen sich hervorragend mit SRT klettern, ohne dass man, wie beim Doppelseil, das Problem flacher Seilwinkel hat.
Gut funktioniert die Technik auch, wenn man nur in einem bestimmten Bereich arbeiten muss weil man das Seil direkt an der richtigen Stelle einbaut und während des Aufstiegs schon losarbeiten kann. Auch Überstiege klappen mit SRT super – klassisches Beispiel ist hier der Waldkindergarten, wo man viele hohe, nah beieinander stehende Bäume mit kleinen Kronen abarbeiten muss.

Valentin Dresely

Und wann sollte man besser DRT anwenden?

Valentin: Bei aufwendigeren Pflegemaßnahmen, bei denen man in einem Baum sehr viele Schnitte machen muss und sich dabei kaum fortbewegt, würde ich eher zur DRT tendieren. Auch bei kleinen und mittelgroßen Bäumen, bei denen man gar nicht einwirft sondern schnell mit einer Leiter den Kambiumschoner installiert, und bei Bäumen mit niedrigen Ästen, bei denen sich ein Wechselaufstieg anbietet, ist DRT vielleicht die bessere Wahl.
Aber es ist wichtig zu sagen, dass es ganz viele Situationen gibt, in denen es allein von den Vorlieben des Kletterers abhängt, welche Technik für ihn jetzt die bessere ist.
Will ich persönlich besonders schnell hoch, nehme ich das Einfachseil, möchte ich es ruhiger angehen lassen, das Doppelseil, ist das Wetter nass und eklig, wiederum das Einfachseil.

Wo liegen, ganz kurz auf den Punkt gebracht, die entscheidenden Vorteile des Einfachseilkletterns?

Jake: Man kann jederzeit zwischen Auf- und Abstieg wechseln. Ein am Stammfuß angeschlagenes Seil schafft die Möglichkeit einer Rettung vom Boden. Die Ausrüstung ist günstiger und platzsparender, weil man im Grunde ja nur ein Seil braucht.

Valentin: Es sind sehr schnelle Aufstiege möglich, dadurch, dass eben nur ein einfacher Seilstrang da ist. Es ist ein stehendes Seil, daher spielt die Reibung an Umlenkungen kaum eine Rolle. Dadurch kann man hervorragend mit Umlenkungen arbeiten.

Die man beim Doppelseil ja eher vermeiden möchte...

Valentin: Genau. Beim Doppelseil hat man einen Ankerpunkt und versucht das Seil so zu führen, dass man keine Umlenkungen braucht. Beim Einfachseil setzt man die Umlenkungen jedoch ganz bewusst ein, um die Lasten im Baum besser zu verteilen und sich zum Arbeiten optimal zu positionieren.

„Man muss sich als Kletterer immer der spezifischen Besonderheiten der Technik bewusst sein.“

Valentin Dresely

Valentin, Du hast als erster Kletterer bei einer Deutschen Meisterschaft ein Masters mit SRT geklettert. Empfehlenswerte Strategie?

Valentin: Ich bin nur Fünfter geworden – insofern hat mich die SRT nicht besonders weit nach vorn gebracht. Letztendlich war aber nicht die Einfachseiltechnik daran schuld – das Problem lag eher beim Einwerfen. Wenn mir das besser gelungen wäre, hätte ich mit dem Einfachseil eine wesentlich schnellere Zeit rausholen können als mit dem Doppelseil.

Jake, Du kletterst fast ausschließlich SRT – fallen Dir trotzdem ein paar Nachteile der Technik ein?

Jake: Die Reibung am Ankerpunkt ist beim Einfachseil zwar geringer, aber die Belastung auf den Ankerpunkt ist natürlich höher – außerdem birgt ein am Stammfuß angeschlagenes Seil immer die Gefahr, dass es bei Bodenarbeiten versehentlich durchtrennt werden könnte.

Wie steht es generell mit der Sicherheit der SRT im Vergleich zur DRT?

Jake: Dadurch, dass man mehrere Umlenkungspunkte hat, reduziert sich das Risiko eines großen Sturzes infolge eines Ankerpunktversagens.

Valentin: Es gilt hier, wie beim Doppelseil auch: Du darfst eben nichts falsch machen. Einzelne Bestandteile sind gefährlicher als bei DRT, andere ungefährlicher. Man muss sich als Kletterer immer der spezifischen Besonderheiten der Technik, die man gerade anwendet, bewusst sein.

Das klingt, als ob die Technik und speziell der Wechsel zwischen SRT und DRT nur etwas für richtig „alte Hasen“ wäre.

Valentin: In den USA gibt es mittlerweile wohl Anfänger-Kurse, die direkt mit SRT beginnen, statt mit Doppelseil. Vom Prinzip her ist es für Anfänger logischer, einen Seilstrang im Baum hängen zu haben, an dem man dann auch klettert, anstatt eine umlaufende Schlaufe.

Jake: Ich hatte noch nie die Gelegenheit, jemandem ganz ohne Klettererfahrung SRT beizubringen. Ich denke aber, dass die Bewegung im Baum nicht ganz so intuitiv erfolgen kann wie beim Doppelseil. Und man braucht etwas mehr Kraft – auch deshalb könnte die Technik vielleicht weniger anfängertauglich sein.
Aber auch für diejenigen, die von Doppel- auf Einfachseil umsteigen, ist der Übergang nicht unbedingt leicht, weil man umdenken, sich umgewöhnen muss – aber wenn man es einmal raus hat, ist es eine schöne simple Angelegenheit.

„Die BG hat nur ein Problem damit, dass die verwendeten Geräte allesamt
nicht zertifiziert sind.“

Valentin Dresely

Hat SRT in Deutschland denn überhaupt eine Zukunft?

Valentin: Ich denke schon. Eigentlich springt die Baumkletterszene in Deutschland schnell auf neue Techniken an, deshalb hat es mich gewundert, dass die Reaktionen beim Einfachseil so träge waren. Aber so langsam kommt die Entwicklung in Sachen SRT auch hier bei uns in Fahrt.

Valentin Dresely

Jake James

Vielleicht ist es hinderlich, dass die BG bisher nicht viel von SRT hält.

Valentin: Gut, dass Du es ansprichst – das Problem ist nicht die Einfachseiltechnik an sich. In den BG-Richtlinien ist ja nicht die Rede von einem „umlaufenden System“, sondern ganz allgemein von „Seilklettertechnik“. Die BG hat nur ein Problem damit, dass die verwendeten Geräte allesamt nicht zertifiziert sind.
In den USA wird das eben anders gehandhabt und da die Geräte bisher dort herkommen, haben wir hier dann das Problem der fehlenden Zertifizierung. Vielleicht ist es an der Zeit, in diesem Bereich auch mal etwas eigenes zu entwickeln. . .

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